Tagebuch eines anderen Trinkers

Nun hat es doch gedauert bis zu meinem nächsten Tagebucheintrag. Nein, ich hatte Dich nicht vergessen, mein Tagebuch. Es ist auch nicht so, dass ich nichts getrunken hätte. Im Gegenteil. Es war auch durchaus auf hohem Niveau. Aber alles will ich auch nicht verraten oder gar damit prahlen – nach dem Motto „Mein Haus, meine Yacht, meine Auto.“ Außerdem ist es ja gar nicht so wichtig, was man trinkt. Wichtiger ist wahrscheinlich, mit wem man was trinkt! Und da kann ich sagen, ich habe ausnahmslos mit lieben Menschen getrunken, mit denen ich das sehr gerne mache. Soviel, dass anfangs Januar der Appetit auf Wein (und Essen) doch deutlich geringer war als normalerweise. Dieser Zustand hielt aber nicht sehr lange an.

Spätestens eine facebook-Post von Marco Giovanni Zanetti alias Winepunk, weckte meinen Appetit:

Ich hab jetzt den '15er im Glas. Feine, florale, würzige Nase die etwas Schattenmorellen und rote Johannisbeeren erkennen lässt.

Man erkennt sofort, ein Wein der Zeit und Luft benötigt. Der Wein hat ne blitzsaubere Nase die aber mit nem kleinen Spontistinker beginnt der aber auch nur Reduktion sein könnte. Ich weiß nicht ob spontan vergoren wird aber der Wein hat einen ziemlichen "Natural" Charakter was das liquide angeht. Ich nehme an mit dem Schwefel wurde hier auch extrem sorgsam gegangen. Wenn das 30 Gesamte hat ist es viel.

Unfiltriert (eh) mit etwas Trübung, was mich null stört. Im Gegenteil. Die Nase entwickelt sich mit Luft relativ schnell. Was mir super gefällt dass der Wein zwar ne "stabile" Säure hat und für den Marmeladentrinker eher echtes Kontrastprogramm ist.

Der niedrige Alkohol von 11,6 % machte mich extrem neugierig.

Der Wein ist keineswegs unreif oder gar dünn. Leicht, mit Finesse und mineralischer Frische würde es eher treffen. im Mund schon eine gewisse Konzentration aber eben kein Muskelprotz sondern eher ein Marathonläufer. Muskulös aber nicht behäbig sonder ein Athlet.

Auf der Zunge eine fette Sauerkirsche und zermatschte Himbeeren, grüne Haselnüsse und Rosenblüten, fein gewobenes Tannin und eine saftige Säure die das ganze zusammen hält. Gefällt mir gut.

Ein Bordeaux für Naturalsäufer und Pinottrinker. Ich denke zum Essen ist der Miracle ein super Begleiter! Klassiker wie Lamm mit grünen Bohnen kann ich mir ebenso vorstellen wie auch, und das finde ich interessant, japanisches Essen wie zB gegrilltes Gemüse, Aal, auch als Sushi und Teppanjaki.

Spannender Wein! Great Job Osama Uchida! Chapeau."

2015 MIRACLE Haut-Médoc, Osamu Uchida

 

Also habe ich am Samstagabend eine Flasche geöffnet. Nicht zum Essen (ausnahmsweise auswärts schon gewesen), sondern einfach so. Das mit dem kleinen Spontistinker stimmt, verschwindet aber total schnell. Anfangs war der Wein etwas zu kühl. Nicht nur von der Temperatur, auch von seinem Gesamteindruck. Mit Luft und Temperatur legte er aber mächtig zu, wobei der Begriff mächtig irreführend sein könnte, denn mächtig ist er gerade nicht. Aber: Beeindruckende Feinheit, die Tannine nie hart, kein Kraftbolzen, trotzdem intensiv und lang („für Pinottrinker“!). „Für Naturalsäufer“ kann allenfalls kurz nach dem Öffnen nachvollziehen. Das letzte Glas war das beste (bestätigte auch meine Frau, deren anfängliche Aussage „der ist gut“ angesichts der leeren Flasche umschlug in „der hat mich begeistert“).

 (K.K.)