Unter dem Titel "Herbstblätter ist heute folgende Mail von Daniel Wagner und Oliver Müller (Weingut Wagner-Stempel) eingegangen. Überschrieben haben sie ihren Jahrgangsrück- und -ausblick mit Gezeiten. Der Tesxt bestätigt genau das, was Daniel Wagner bei seinem Besuch anlässlich unseres Jubiläumsrausches schon Ende September berichtet hatte: "Im Juni hatte ich den Jahrgang schon fast abgeschrieben, aber dann änderte sich das Wetter und heute hängen wunderschöne Trauben an den Stöcken. Ich bin begeistert."

 

Für die Bewohner der weltweiten Küsten sind die periodischen Wasserbewegungen der Ozeane von Niedrig-  zu Hochwasser ein ganz alltägliches Bild. Sie sind der normale Rhythmus-  und Taktgeber in weiten Teilen der maritimen Welt und haben über die Jahrmillionen ganze Landschaften geprägt und geformt. Im Siefersheimer Weinjahr 2016 hat uns das Wetter mit Phänomenen konfrontiert, die man, etwas frei formuliert, ebenfalls als auflaufende Wasser und nachfolgenden Tidenfall bezeichnen könnte. Es gab bildwörtlich einen fast täglichen Gang zum „Pegel“, um zu schauen, wie hoch der „Wasserstand“ denn wieder ist. Im rückblickenden Formulieren wirkt diese Analogie beinahe etwas scherzhaft, aber in der betreffenden Situation war es alles andere als lustig. Was genau passierte und welche Auswirkungen das insgesamt mit sich brachte, darum soll es im Folgenden gehen.

Das Jahr begann ganz vergleichbar wie schon 2015 mit einem für die hiesigen Breiten normalen und eher milden  Winter. Im Januar und Februar gab es vereinzelt einige Frosttage, aber auch mildere Temperaturen bis zu 10° Celsius wurden gemessen. Der März zeigte sich schon sehr sonnig und freundlich, aber die Temperaturen blieben noch bis weit in den April hinein eher kühl und moderat. An einen rekordverdächtig frühen Austrieb wie 2 Jahre zuvor war demnach auch in 2016 nicht zu denken. Erst Ende April setzte sich  wärmeres, vielfach sonniges  Wetter durch und begleitete den Austrieb der Reben am Höllberg. Die Niederschläge bewegten sich dabei wie in den Vormonaten mit gerade einmal 30 bis 40 Liter pro Quadratmeter auf einem ganz normalen Niveau. Anfang Mai wurde es dann schlagartig warm und geradezu sommerlich, wobei insbesondere die ersten Tage nochmals für Anspannung sorgten, denn obgleich die Witterung warm und sehr angenehm war, blieb  es nachts noch empfindlich kühl. Die letzten Frostschäden hatten wir 2011 erlitten und glücklicherweise ging diese akute Gefahr spurlos an unseren Weinbergen vorbei. In den letzten Maitagen änderte sich dann die allgemeine Wetterlage grundlegend, und neben den immer noch warmen Temperaturen setzte sich regnerischer Tiefdruck mit ergiebigen Niederschlägen durch.

In der Summe des Monats waren es  beinahe 70 Liter, die zu verzeichnen waren. Mitten in diese warme und feuchte Periode fiel dann auch die Rebblüte Anfang Juni. Eine denkbar ungünstige Konstellation. Ein sehr ungleichmäßiger Blütebeginn und -abschluss mit zum Teil starken Verrieselungen war die Folge. Kein Grund zur Freude. Aber die Launen des Wetters kamen jetzt erst so richtig in Fahrt. Wieder und wieder gingen im Juni starke Regefälle nieder und die fast subtropischen Verhältnisse zusammen mit den hohen
Temperaturen führten zu enormer Pilzgefahr durch den falschen Mehltau. Mehr als 100 Liter Regen in weniger als 30 Tagen machte den Pflanzenschutz zu einer echten Herausforderung. Teile der Heerkretz mussten „wie in alten Zeiten“ von Hand gespritzt werden, da an eine mechanische  Bewirtschaftung im Steilhang nicht zu denken war. Es hat nicht viel gefehlt, und es wäre zu dramatischen Einbußen gekommen.

Glücklicherweise beruhigte sich die Situation  im Übergang zum Juli. Trockenes, sonniges Wetter schaffte eine Kehrtwende, die dringend notwendig war. Konnte man die Monate April, Mai und Juni als auflaufendes Wasser  bezeichnen, die in der Summe eine „Flut“  mit mehr als 200 Liter Regen brachten, so waren es in den folgenden Monaten Juli, August und September zusammen gerade einmal 45 Liter. Quasi sinkender Pegel und „Ebbe“ im Vergleich zu davor. Viel gegensätzlicher kann eine Regenbilanz kaum ausfallen.
Auch die Entwicklung in den Weinbergen setzte sich im weiteren Verlauf des Sommers in einer Art und Weise  fort, als wollten höhere Mächte wieder etwas gutmachen und bahnten eine Entwicklung an, die man dem Jahrgang 2016 wenige Wochen zuvor nie zugetraut hätte. Das hochsommerlich trockene Wetter hielt genau bis zum Beginn des Oktobers an und sorgte für eine Grundreife und Beschaffenheit in den Weinbergen, als sei  im bisherigen Jahresverlauf nie etwas Dramatisches passiert. Alle Pilzkrankheiten waren kein Thema mehr und sogar die Botrytis war nirgends zu sehen. Kerngesunde, völlig intakte Rebanlagen warteten Ende September auf die perfekte Ausreifung bis in den Oktober hinein.

Am 3.Oktober startete die Weinlese 2016 und pünktlich zum Lesebeginn schaltete das Wetter von Hochsommer um auf „Kühlschrankmodus“. Damit einher ging  ein Temperatursturz von durchschnittlich 17 Grad im September auf völlig unterkühlte 9 Grad im Oktober. Die weitere Ausreifung der Trauben erfolgte im  Zeitlupentempo und wir konnten uns dementsprechend viel Zeit bei der Handlese lassen.

Eine völlig entspannte Leseperiode hatte begonnen, die uns zwar kein „goldenes Herbstwetter“ bescherte, aber im Gegenzug hatten wir die nötige Ruhe und Gelassenheit, um alle Parzellen nach und nach auf den Punkt lesen zu können. Das Wetter im Oktober war zwar sehr wechselhaft und launisch, aber durch die vielfach kühle Witterung hat das an der so optimalen Traubengesundheit nichts mehr verändert. Gerade die kalten Nächte gegen Ende des Oktobers, die für die aromatische Reifung und Feinheit des Rieslings so entscheidend sind, waren  dabei von immenser Bedeutung. Analog zum Vorjahr gingen die Reifewerte nirgends „durch die Decke“. Der kühle Herbstverlauf hatte die Zuckerentwicklung in den Trauben merklich ausgebremst. Weder Riesling noch die Burgundersorten wurden jenseits der 100 Grad Oechsle geerntet, sondern pendelten sich zumeist zwischen 84 und maximal 94 Grad ein. Damit korrelierten ganz hervorragende  Säurewerte zwischen 7 und 11 Gramm, die erfahrungsgemäß frische und lebendige Weine zulassen, die in der Jugend aber nicht zu sperrigoder pikant ausfallen.

Kaum 14 Tage nach Abschluss der Lese überwiegt nach wie vor die Freude, dass, wie im vergangenen Jahr, ein so homogenes und hochwertiges Ergebnis möglich war. Ob Scheurebe oder Silvaner, Riesling oder Spätburgunder - es gab praktisch nur sehr gute bis teilweise hervorragende Trauben. Und dennoch erstaunt am meisten, dass auch quantitativ der Jahrgang nahtlos an 2015 anschließen kann. Das war während der Blüte und speziell im Juni mit der akuten Pilzgefahr nicht im Traum denkbar. Und selbst im Spätsommer war nicht abzusehen, dass der 2016er sich auch in der Menge so erfreulich entwickeln würde. Stilistisch ist eine erste Einschätzung natürlich noch sehr vage, aber wenn man den Geschmack der Moste in Betracht zieht, kann man durchaus eine erste, vorsichtige Prognose wagen. Es werden ganz sicher aromatisch sehr ausdrucksstarke, elegante Weine werden, die sehr von der perfekten Ausreifung und späten Lese profitiert haben. In 2016 ist ein Stil möglich, der einen moderaten, eleganten und komplexen Körper einerseits mit einer frischen, lebendigen  Säure andererseits verbindet. Und diese Spannung wird getragen von dem salzigen, mineralischen Nachhall der porphyrischen Bodenstruktur, die so ungemein typisch für die Weine aus Siefersheim ist. Feine, ausdrucksstarke  und harmonische Weine, die in der Jugend sehr viel zugänglicher sein werden, als es der Vorgängerjahrgang war. Warten wir es ab. Wir freuen  uns  zumindest  auf die kommenden Monate und einen  ganz viel versprechenden Jahrgang 2016.


Daniel Wagner & Oliver Müller
Siefersheim, 10. November 2016